Stationäre Hilfen zur Erziehung

Der Postillion e.V. hält in Hockenheim drei stationäre Angebote für Kinder und Jugendliche vor: die sozialraumorientierte „Wohngruppe um die Ecke“, die Jugendwohngemeinschaft „Hafen“ sowie die Möglichkeit für betreutes akkumuliertes Einzelwohnen. Alle drei Angebotsformen sind Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung und setzen einen Antrag beim örtlichen Jugendamt auf Hilfe zur Erziehung (§ 34 SGB VIII) voraus.

Die Einrichtungen liegen innerhalb eines gut zu erreichenden Wohnkomplexes direkt neben dem ehemaligen Wasserturm und sind damit zentral in Hockenheim angesiedelt. Zahlreiche Busverbindungen und auch der Bahnhof befinden sich in unmittelbarer Nähe, ebenso wie weiterführende und berufliche Schulen. Aus sozialräumlicher Perspektive ist der Standort in einem Wohnhaus zudem ideal, da das Gebäude von außen kaum als „Heim“ erkennbar ist.

Unsere sozialraumorientierte „Wohngruppe um die Ecke“ ist ein Angebot für alle jungen Menschen aus der Region, die einen Bedarf an stationärer Erziehungshilfe haben. Die Bewohner_innen leben dort vergleichbar mit einem „normalen Familienwohnhaus“ mit Küche, Wohnzimmer, eigenen Zimmern etc. Die Jugendwohngemeinschaft „Hafen“ mit der zusätzlichen Möglichkeit des akkumulierten Einzelwohnens ist in der Regel ein Angebot für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Das Leben in der Gruppe, das Heranführen an das neue politische und gesellschaftliche System und die Förderung der Selbständigkeit stehen im Mittelpunkt des Zusammenlebens in der Jugendwohngemeinschaft. Flucht- und kulturspezifische Aspekte werden hierbei berücksichtigt.

Für eine gelingende Heimerziehung sind geeignete Räume und verlässliche Bezugspersonen von zentraler Bedeutung. Daher legen wir sehr viel Wert auf ein stabiles und gut ausgebildetes Team. Ermöglicht wird dies u.a. durch die Anwendung des Tarifvertrags des öffentlichen Diensts sowie transparente Mitarbeiterführung und Dienstplangestaltung. Darüber hinaus ist uns neben dem regelmäßigen Besuch von Fortbildungen, die fachliche Anbindung sowie Beratung und Supervision sehr wichtig. Um dem Team konzeptionelles Arbeiten und eine stetige Weiterentwickelung zu erleichtern, wurden zudem diverse Möglichkeiten der Evaluation wie beispielsweise narrative Interviews mit den Jugendlichen zur Beobachtung von Fallverläufen etabliert.

Partizipation

Zu starre Regelungssysteme sind oftmals Ursache für eine nicht geplante Beendigung der Heimerziehung. Ohne auf feste Strukturen zu verzichten, ist die Beteiligung der Bewohner_innen u.a. bei der Festlegung der geltenden Regeln fundamental für das Zusammenleben in den Wohngruppen. Darüber hinaus werden in den regelmäßig stattfindenden Gruppenbesprechungen Themen des Alltags (z.B. Essensplanung, Hausgestaltung) sowie gemeinsame Freizeitaktivitäten etc. besprochen und gemeinschaftlich festgelegt. Trotz unserer Zuständigkeitserklärung für die Bewohner_innen wird somit großer Wert auf die Aktivierung von Eigeninitiative und Partizipation gelegt, um keine rein passive Erwartungshaltung zu erzeugen. Vielmehr soll durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit das Selbstwertgefühl und die Entwicklung einer demokratischen Haltung gefördert werden.

Sozialraumbezug und Elternarbeit

Wir möchten, dass Jugendliche sich weiterhin in ihrem gewohnten sozialen Umfeld bewegen können und durch die Heimerziehung kein Beziehungsabbruch zu Schule, zu Freunden oder gar zur Familie erfolgt. Räumliche Nähe ist hierfür elementar. Darüber hinaus investieren unsere Mitarbeiter_innen kontinuierlich Zeit in den Erhalt dieser Netzwerke bzw. in die Zusammenarbeit mit diesen. Gegenüber den Eltern vertreten wir die Haltung, dass sie mit der Heimunterbringung ihrer Kinder ihre Erziehungsverantwortung keineswegs abgeben, sondern vielmehr mit Hilfe unseres Teams darin gestärkt werden sollen. Einrichtung/Team und Eltern sollen sich dabei als Erziehungsgemeinschaft erleben. So gehört neben regelmäßigen Elterngesprächen auch besondere Anleitung z.B. bei Aktivitäten im Alltag der Wohngruppe dazu. Dieser verstärkte Einbezug der Eltern befindet sich derzeit im Aktivierungsprozess, bedarf aber einer besonderen Haltung, die wir voraussetzen.

Unsere Wohngruppen verfügen nicht über ein abgeschlossenes oder feststehendes Modell. Das Besondere ist die Idee, die hinter unserer Arbeit steht, und der Wunsch im Sinn einer lernenden Organisation gemeinsam mit den Jugendlichen etwas zu bewirken.

Narrative Interviews vor der Aufnahme

Die Anfangsphase einer Heimunterbringung ist bedeutsam für das Gelingen der Hilfe. Nicht geklärte Themen und Fragen bei der Aufnahme unter dem Druck einer akuten Krise, holen die Betroffenen oftmals später wieder ein. Daher ist vor bzw. mit der Aufnahme in die Wohngruppe die Durchführung einer Sozialpädagogischen Diagnose auf der Grundlage narrativer Interviews sinnvoll, die ausführlich und in ruhiger Atmosphäre stattfinden und anschließend professionell ausgewertet und rückgemeldet werden. Die Interviews sollten sowohl mit den Kindern/Jugendlichen als auch mit deren Eltern durchgeführt werden, um die sozialpädagogische Arbeit auf Basis einer ganzheitliche Anlass- und Zielformulierung initiieren zu können. Gleichzeitig erfahren die Adressaten auf diese Weise frühzeitig, dass die Heimunterbringung eine Unterstützung ist, bei der sie gehört werden und zur Mitgestaltung eingeladen sind – genauso wie die Eltern.