Vereinsgeschichte

Am 09. März 1985 wurde Postillion e.V. im Restaurant Talblick in Wilhelmsfeld als gemeinnütziger Verein gegründet. Anfangs firmiert unter dem Namen „Verein der Freunde und Förderer des Kraftpostmuseums Wilhelmsfeld“. Es war eine ungewöhnliche Vereinsgründung. Die Rhein-Neckar-Zeitung schrieb dazu Tage später einen Artikel unter der Überschrift: „Noch ein Verein!“. Das daraus später einer der größten Träger für Kinder- und Jugendhilfe im Rhein-Neckar-Kreis werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt weder geplant noch abzusehen. Doch um die Wurzeln des Vereins zu verstehen, lohnt sich ein Blick in das Gründungsjahr.

Die Deutsche Bundespost hatte ihren Busdienst „Kraftpost“, mit dem die seinerzeit noch gelben Busse bezeichnet wurden, zwei Jahren zuvor an die Deutsche Bundesbahn abgegeben. Die gelben Busse waren im ländlichen Raum eine staatliche Dienstleistung und für das Funktionieren des Gemeinwesens von großer Bedeutung. Die Kraftpost symbolisierte für Jugendliche in gewisser Hinsicht den Staat und machte ihn erlebbar, denn schließlich nutzten sie den Busdienst, um zur Schule oder zur Arbeit zu fahren. Die Busse waren ein täglicher Treffpunkt, an dem man mit Bekannten zusammen kam und auch die Busfahrer_innen noch kannte, die damals alle Beamte waren. Entsprechend war der Bus auch Austauschort für Informationen rund um das Gemeinwesen. Den Beamten der Deutschen Bundespost gebührte per Amt Respekt. Vor diesem Hintergrund war die Übernahme des Busdienstes gerade für die Busfahrer_innen, aber auch für die jugendlichen Mitfahrer_innen, ein großer Einschnitt.

Ziel der Vereinsgründung war es somit zunächst, ein wenig von dieser lokalen Eigenart mit ihren gelben Bussen zu konservieren und ein Museum zu gründen. Wenngleich die Zeiten des Protests der 60er und 70er Jahre vorbei waren (der Shell-Studie 1985 zufolge wurden Jugendliche in den 1980er Jahren überwiegend als tolerante und liberal gesinnte Demokraten beschrieben), war es dennoch eine Zeit, in der Jugendliche und junge Erwachsene in Wilhelmsfeld verstärkt den Drang verspürten, etwas verändern zu wollen. Jugendarbeit war bis dahin vor allem ein Angebot der (Sport-)Vereine um Nachwuchs zu gewinnen. So gründeten einige ehemalige Busfahrer_innen der Deutschen Bundespost einen Verein, der die Erinnerung an die ‚alten Zeiten‘ bewahren und gleichzeitig die Jugendarbeit neu in die Hand nehmen wollte. Zwei Ziele unter einem Dach und für die damaligen Jugendlichen ein ideales Bündnis: Die Seriosität der Busfahrer der Deutschen Bundespost als Rückgrat einer seriösen Jugendarbeit, mit der Kinder und Jugendliche, vor allem aber deren Eltern gewonnen wurden. Treffpunkte im Sinne eigens dafür vorgesehener Jugendhäusern gab es nicht. Vielmehr wurden die verschiedensten gegebenen Räume (um)genutzt. So diente beispielsweise das Café Junghans außerhalb der Öffnungszeiten als Treffpunkt, ebenso wie ein alter Schuppen in der Johann-Wilhelm-Straße. Die Nebenzimmer des Schriesheimer Hofs und der TSG-Gaststätte wurden für Tanzkurse genutzt. Ohne die große Hilfsbereitschaft vieler Wilhelmsfelder zu dieser Zeit wäre vieles nicht möglich gewesen.

Der Verein hat bereits frühzeitig damit begonnen, Tagesausflüge z.B. in das damals neu erbaute Spaß-Schwimmbad „Bellamar“ in Schwetzingen zu organisieren. Natürlich immer mit dem Linienbus. Die guten Verbindungen zur Deutschen Bundesbahn ermöglichten günstige Tarife. Die erste mehrtägige Kinderfreizeit führte 1987 an die blaue Adria nach Altrip. Als Unterkunft diente dem Vereinszweck getreu ein ehemaliger Postbus, den der Verein erwarb. Leider gibt es diesen Bus nicht mehr. Der Verein konnte ihn nicht halten, da er damals noch nicht finanzkräftig genug war. Zuvor hatte er jedoch zahlreiche Einsätze, insbesondere beim Mitteldorffest. Viele erzählten Jahre später noch von dem gelben Bus, der das Fest bereicherte.

1988, drei Jahre nach Vereinsgründung, wurde Postillion e.V. als freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe anerkannt. Es wurden nun regelmäßig etwa zweimal im Jahr Kinder- und Jugendfreizeiten angeboten, an denen ganze Jahrgänge fast geschlossen teilnahmen. Es war ein attraktives Angebot und traf den Bedarf der Jugendlichen nach Freiheit sowie den ihrer Eltern nach Behütung. Als Betreuer_innen war immer ein Team von jungen Erwachsenen dabei. Natürlich wurden die Freizeiten nach wie vor mit öffentlichen Verkehrsmitteln angeboten. Einen Reisebus anzumieten wäre damals undenkbar gewesen. Es war aufregender und passte zur Idee des Vereins, der sich schon immer mit der Frage des öffentlichen Personennahverkehrs beschäftigte. Es gab sogar Überlegungen, den Verein in den historischen Linienverkehr einsteigen zu lassen. Es blieb jedoch bei der Idee.

Die Freizeiten des Postillion e.V. führten die Kinder und Jugendlichen an die Nordsee, in die Berge, in den Harz und in das Kinder- und Jugenddorf Klinge im Bauland, wo auch viele Lehrgänge stattfanden. Die Teilnehmer_innen waren alle aus Wilhelmsfeld, ebenso wie die ehrenamtlichen Betreuer_innen. Es war immer ein Stammteam dabei, das die Arbeit anschließend auswertete, um die Freizeiten stetig weiterzuentwickeln und zu verbessern. Wie Janusz Korczak es einst formulierte, war man anfangs „reich an Illusionen und arm an Erfahrung“ und überrascht davon, welche Kräfte eine Masse von Kindern entwickeln kann. Im Lauf der Zeit kam daher immer mehr Struktur in die Freizeiten. Hierzu – und das zeichnet unsere Arbeit bis heute aus – gab es Lehrgänge und Fortbildungen, die im Sinn einer lernenden Organisation vor allem dafür da waren, das Team und die Arbeit voranzubringen sowie neue Betreuer in die Arbeit miteinzubeziehen.

Die Jugendarbeit bei Postillion e.V. war somit reiner Selbstzweck – von jungen Menschen für junge Menschen – und nicht wie bei anderen Vereinen eine Methode, um Nachwuchs zu gewinnen. Dieses Modell erwies sich als ein Erfolgsmodell.

Neben den Freizeiten und Tagesausflügen wurden zunehmend auch andere Aktivitäten angeboten. So wurde 1991 ein Ford Transit gekauft, der als Spielmobil bemalt wurde und einmal wöchentlich im öffentlichen Straßenraum des Ortes Spiele für Kinder anbot (in der Regel waren dies klassische alte Straßenspiele wie Räuber und Gendarm). Damit sollte nicht zuletzt der Straßenraum wieder verstärkt belebt werden, der durch die Motorisierung zunehmend vom Auto bestimmt wurde und Kinder in die häusliche Umgebung zurückgedrängte. Die Vereinsmitglieder waren entschieden, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen.

In seinem Buch „Über die Jugend und andere Krankheiten“ schreibt Klaus Farin: „Politik wird von Jugendlichen selten als Prozess und Chance der Gestaltung ihres eigenen Lebensalltags gesehen, sondern auf Partei- und Regierungspolitik reduziert. Auf etwas Unangenehmes oder zumindest Abstraktes, welches auf für Jugendlichen unerreichbaren und undurchschaubaren Ebenen stattfindet. Die Privatisierung einstmalig staatlicher Dienstleistungen (Telefon, Post, öffentlicher Verkehr, weite Teile der Polizei, Wasser- und Stromversorgung, Renten- und Krankenversicherung, zahlreiche Universitäten und Bibliotheken usw.) hat zu einem realen Bedeutungsverlust des Staates für den jugendlichen Alltag geführt. Die zunehmende Verlagerung von Entscheidungsstrukturen auf die internationale Ebene bei gleichzeitig nicht abreißenden Berichten über gewaltige Ausmaße ökonomischer Misswirtschaft mit nicht selten verheerenden ökologischen Folgen hat die Distanz von Jugendlichen gegenüber der Politik weiter verstärkt.“

Ende der 1990er Jahre war die Gründergeneration des Postillion e.V. und auch die zweite Generation bereits in einem Alter, in dem das Modell in der bestehenden Form nicht mehr tragfähig war. Im Jahr 1998 gab es daher die ersten Überlegungen, sich stärker in Richtung einer professionellen Kinder- und Jugendarbeit zu begeben. 1999 eröffnete der Verein das erste nicht ehrenamtlich geführte Jugendcafé in Mauer (im Jahr darauf folgten Spechbach und Bammental) und leitete damit die nächste Entwicklungsstufe des Postillion e.V. ein.

Es folgte die Ausweitung des Arbeitsfeldes in den Bereich der Hilfen zur Erziehung und schließlich wurden im Zuge des bundesweiten Ausbaus auch die ersten Kindertageseinrichtungen vom Postillion e.V. übernommen. Seither hat sich der Verein stetig weiterentwickelt und den jeweils aktuellen Gegebenheiten angepasst - gleichzeitig ist er seinen Wurzeln in Wilhelmsfeld treu geblieben.